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* Please see English Version below *

Welche Assoziationen hatte ich vor der Abreise zu Albanien? Ich wusste, dass Adrian in unserer Landkarte dort seinen Reisewunsch-Pin gesetzt hat und kannte die Natur ein wenig aus Dokumentationen. Nun, nach mehreren fahrintensiven Tagen, erreichen wir in der Dämmerung endlich Albanien.

Kaum sind wir über der Grenze, springt mein Kopf auf der Suche nach Bekannten im Unbekannten und versucht frühere Erfahrungen und Orte mit den neuen, die vor uns liegen, abzugleichen.

„Wie in Nepal.“  Dieser Gedanke entsteht immer wieder. Und direkt danach stolpere ich genau über diese Assoziation, sind wir doch auf einem geographisch gesehen ganz anderen Fleckchen dieses großen vielfältigen Planeten. Und doch bleibt dieser Eindruck leise in meinem Hinterkopf. Es ist wichtig zu verstehen, dass Nepal mich 2003 und 2005 so unglaublich geprägt und fasziniert hat, dass es in unserer ursprünglichen Reiseplanung, in der wir COVID noch nicht kannten, mein Wunschziel Nr. 1 war! Ist das jetzt eben auch ein „Kulturschock“? Albanien ist anders. Eben kein „schön-schön“ Land ist, in dem man an allen Ecken und Enden den „Wohlfühlfaktor“ spürt. Wie anders, davon erzählt dieser Artikel… Denn seit der Einreise verändert sich meine eigene Wahrnehmung mit jedem Tag, den ich länger in Albanien sein darf. Ich bin schon gespannt, wie der Kulturschock „Back to EU“ aussehen wird, wenn wir ausreisen, aus diesem faszinierenden Albanien… Spoiler: der Kulturschock bei der Ausreise ist wiederum noch größer… Warum?

Albanien ist anders, als alle Länder, die wir bisher bereist haben.

Einerseits ist Albanien voller atemberaubend schöner Natur. Andrerseits gibt es leider Berge von Müll am Straßenrand und auch in der Natur. An manchem unserer Übernachtungsplätzen, insbesondere am Stadtrand, kann man immer wieder den Geruch verbrennenden Plastikmülls riechen. 

Auf staubigen Straßen geht es also vorbei an unzähligen Straßenhunden, an Bretterbuden, an Häusern, deren obere Stockwerke noch im Rohbau befindlich sind, während die untere Etage schon länger bewohnt scheint, während handgeschriebene Schilder und einfache Spray-Schriftzüge Shops und Autowaschplätze markieren. Letztere scheint es  an jeder Ecke zu geben. Die Innenstädte sind lebendig, laut und verwirren mich, der Verkehr im Kreisel geht verwirrenderweise in alle Richtungen, Kirchenglocken und die Rufe der Muezzin wechseln sich ab und hallen durch die Städte. Nebenstraßen, die zu Häusern führen, werden von den Anwohnern selbst „Little India“ genannt. 

Die Armut  ist unübersehbar, die Kontraste von Wellblechhütten in staubigen Feldern und benachbarten von Mauern eingerahmten Luxusvillen stecken voller Widersprüche. Und dann wieder schmiegen sich bewaldete Hügel am Rande der albanischen Alpen, fruchtbare Hochebenen voller Trauben, Kaki, Feigen- und Granatapfelbäume säumen die Straßen, während das Meer mit türkisblauem Wasser lockt…

Basti und Tara werden oft von fremden Kindern begrüßt und beschenkt: Die Kinder, die sie noch gar nicht kennen, teilen dann ihre frisch gekauften Kekse und Chipspackungen, nehmen aber nie etwas im Gegenzug dafür an… Es macht uns immer wieder sprachlos… 

Die Menschen, denen wir begegnen,  sind ungespielt interessiert, hilfsbereit und gastfreundlich. Und diejenigen, die wir näher kennen lernen dürfen, wachsen uns ans Herz. Selbst in der Körpersprache entdecke ich Gemeinsamkeiten mit dem mir so vertrauten Land, so ist das albanische Ja dem nepalesischen sehr ähnlich, wenn der Kopf kreisend die Bewegung einer liegenden 8 ähnelt. Während die Ernte der Hanf-Felder in den Bergen  einigen wenigen wohl lukrative Geschäfte mit dem Ausland ermöglichen, sieht man in den Cafés der Bergdörfer viele Männer sitzen, die ihre Zeit dort mit dem Konsum von Mokka und diversen getrockneten Blüten verbringen…Frauen sieht man dort viel seltener. Es wirft die Fragen nach den Prioritäten der Politik auf. 

Tatsächlich hatte ich nicht damit gerechnet, dass mich diese Kontraste von Schönheit und Armut so umhauen würden. Albanien ist für mich in den ersten Tagen kein „einfaches“ Land. Man kann nicht einfach durchreisen und denken: „Ach, wie schön ist das alles.“

Dafür gibt es einfach zu viel Armut. Zu viele Menschen, die um ihre tägliche Existenz, die Verlässlichkeit der Gesetzeshüter oder medizinische Standards bangen. Dies hat zur Folge, dass hier nicht nur viele Menschen in sehr ärmlichen Verhältnissen leben, sondern auch die Tiere und die Natur darunter leiden. 

Und doch ist es auch gerade das Lockere in allen Regelungen, die die Menschen hier auch gelassener und flexibler sein lassen… Und es gibt diejenigen, die sich dafür einsetzen, dass die Welt auch hier eine bessere Welt sein kann. Diejenigen, die in einen multikulturellen, diversen, offenen und interessierten Austausch gehen, die ihre Türen für uns Reisende öffnen und voller Ehrlichkeit an ihren Erfahrungen teilhaben lassen. Diejenigen, die uns einladen, ihre landestypischen Speisen mit ihnen zuzubereiten, diejenigen, die sich für Gerechtigkeit einsetzen, in dem sie ihre Einnahmen dazu verwenden, Projekte in den entlegenen ländlichen Gegenden zu unterstützen, in denen Frauen, die unter häuslicher Gewalt leiden, bestärkt werden, ihren eigenen Weg zu gehen. Dies ist sicher nur der Beginn einer Positiv-Liste, die sich eben nicht auf den ersten Blick für Besucher zeigt. Und die Politik? Sollte sich mit großer Sicherheit eine Scheibe Courage und Vorreiter-Denken von den kleinen Initiativen des Landes abschauen? Wir wünschen uns für Albanien, dass sie die Fehler des Massentourismus einfach auslassen und direkt mit nachhaltigem, sanftem Tourismus durchstarten… Hier wird allerdings aktuell eher für die „Massen“ geplant. Und wir fürchten, dass sobald hier alles asphaltiert und fertig gebaut ist mit deutlich verstärkter Anzahl an Tagesausflüglern, die noch unberührte Natur auch hier bald voller Müll ist… 

Es ist also genau diese Ambivalenz zwischen Armut, Leid und Herausforderungen für Mensch, Tier und Natur und ein Land, das erst seit 20(!) Jahren die Freiheit hat, sich weiterzuentwickeln. Der Stolz auf das eigene Land pendelt zwischen Tradition, Erfindungsreichtum und Lebenswille, begegnet uns Reisenden in Form bedingungsloser herzlicher Gastfreundschaft, wie sie seit Generationen in Albanien gepflegt wird. 

Ich kenne nach 4,5 Wochen im Land des Adlers immer noch nur einen Bruchteil und doch fasziniert es mich, dieses Land, in dem so viel steckt… und ich bin dankbar für alles, was ich von den Menschen dort lernen und erfahren darf… und mit jedem Hügel, jeder Bergkette, jeder klaren Aussicht auf die Weite verstehe ich mehr, warum Albanien dieses Wappentier gewählt hat, sieht man die anmutigen Tiere doch immer wieder durch die Lüfte kreisen…

Würden wir eine Reiseempfehlung geben? JA, ganz klares Ja, denn wie ihr in unseren weiteren Blogartikeln sehen werdet, ist dieses Land mit seinen Menschen ein Land, in all seiner Unperfektheit und seinem Entwicklungsbedarf, welches einem wirklich ans Herz wachsen kann. Denn, um es vorweg zu nehmen, der Abschied nach fast 5 Wochen in Albanien ist uns wirklich schwer gefallen.

*English version:

What associations did I have with Albania before leaving? I knew that Adrian had put his travel wish pin there in our map and knew a bit about the nature from documentaries. Well, after several days of intensive driving, we finally reach Albania at dusk. As soon as we are over the border, my head jumps looking for acquaintances in the unknown, trying to match previous experiences and places with the new ones ahead.

„Just like Nepal.“ This thought arises again and again. And right after, I stumble upon this very association, we are after all on a geographically quite different patch of this great diverse planet. And yet, this impression lingers quietly in the back of my mind. It is important to understand that Nepal had such an incredible impact and fascination on me in 2003 and 2005, that it was my #1 desired destination in our original travel planning, where we didn’t know COVID yet! Is this just now also a „culture shock“? Albania is different. It is not a „beautiful-beautiful“ country, where you can feel the „feel-good factor“ in every corner. How different, this article tells… Because since the entry my own perception changes with every day that I may be longer in Albania. I am already curious how the culture shock „Back to EU“ will look like when we leave, from this fascinating Albania… Spoiler: the culture shock when leaving is again even greater…. Why?

Albania is different from all the countries we have traveled to so far.

On the one hand, Albania is full of breathtakingly beautiful nature. On the other hand, unfortunately, there are mountains of garbage on the side of the road and also in nature. At some of our overnight places, especially on the outskirts, you can always smell burning plastic garbage.

So, on dusty streets, we pass countless street dogs, wooden shacks, houses whose upper floors are still under construction, while the lower floors seem to have been inhabited for some time, while handwritten signs and simple spray-lettering mark stores and car wash sites. The latter seem to exist  on every corner. The downtowns are lively, noisy, and confusing to me, with traffic circle traffic going confusingly in all directions, church bells and the calls of the muezzin alternating and echoing through the towns. Side streets leading to houses are called „Little India“ by the residents themselves.

The poverty is unmistakable, the contrasts of corrugated iron huts in dusty fields and neighboring luxury villas framed by walls are full of contradictions. And then again, forested hills nestle on the edge of the Albanian Alps, fertile plateaus full of grapes, persimmon, fig and pomegranate trees line the streets, while the sea beckons with turquoise blue waters…

Basti and Tara are often greeted and given presents by strange children: the children, who don’t even know them yet, then share their freshly bought cookies and chip packs, but never accept anything in return… It always leaves us speechless… The people we meet are unplayfully interested, helpful and hospitable. And those we are privileged to get to know more closely grow on us. Even in the body language I discover similarities with the country so familiar to me, so the Albanian yes is very similar to the Nepalese, when the head circles the movement of a lying 8 resembles. While harvesting the hemp fields in the mountains probably allow a few to do lucrative business with foreign countries, one sees many men sitting in the cafes of the mountain villages, spending their time there consuming mocha and various dried flowers…women are much less commonly seen there. It raises questions about the priorities of politics.

In fact, I didn’t expect to be so blown away by these contrasts of beauty and poverty. Albania is not an „easy“ country for me in the first few days. You can’t just pass through and think, „Oh, how beautiful it all is.“

There is simply too much poverty for that. Too many people who fear for their daily existence, the reliability of law enforcement or medical standards. As a result, not only do many people live in very poor conditions here, but animals and nature suffer as well.

And yet, it is also precisely the looseness in all regulations that also allow people to be more relaxed and flexible here… And there are those who work to ensure that the world can be a better world here as well. Those who go into a multicultural, diverse, open and interested exchange, who open their doors to us travelers and share their experiences full of honesty. Those who invite us to prepare their local dishes with them, those who work for justice by using their earnings to support projects in remote rural areas where women suffering from domestic violence are encouraged to make their own way. This is surely just the beginning of a positive list that is not immediately apparent to visitors. And politics? Should certainly take a leaf out of the book of courage and pioneering thinking of the country’s small initiatives? We wish for Albania that they simply leave out the mistakes of mass tourism and directly start with sustainable, gentle tourism… Here, however, they are currently planning for the „masses“. And we fear that as soon as everything here is asphalted and built with a significantly increased number of day trippers, the still untouched nature here is also soon full of garbage…

So it is exactly this ambivalence between poverty, suffering and challenges for people, animals and nature and a country that has only had the freedom to develop for 20(!) years. The pride in one’s own country oscillates between tradition, inventiveness and will to live, meets us travelers in the form of unconditional warm hospitality, as it has been cultivated in Albania for generations. 

After 4.5 weeks in the land of the eagle, I still know only a fraction and yet it fascinates me, this country in which so much is… and I am grateful for everything I can learn and experience from the people there… and with every hill, every mountain range, every clear view of the expanse, I understand more why Albania has chosen this heraldic animal, you can see the graceful animals circling again and again through the air…

Would we give a travel recommendation? YES, very clear yes, because as you will see in our further blog articles, this country with its people is a country, in all its imperfection and its need for development, which can really grow on you. Because, to take it in advance, the farewell after almost 5 weeks in Albania is really hard for us.